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Mit dem eigenen Immunsystem gegen den Krebs

Von einer „kleinen Revolution“ berichtete vor kurzer Zeit die Leipziger Volkszeitung LVZ. Sie sprach mit dem neuen Leiter der Hämatologie und Zelltherapie am Universitätsklinikum Leipzig, Prof. Uwe Platzbecker.

Anlass dazu ist eine neue Art der Krebsbehandlung, die zukünftig am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) durchgeführt werden soll. Das Besondere an dieser neuen Therapie ist, dass zur Bekämpfung einer Krebserkrankung nicht wie bisher chemische Substanzen, Bestrahlung oder biologische Moleküle verwendet werden. Stattdessen ist es das eigene Immunsystem, das dem Patienten gegen den Krebs helfen soll. Das ist die besagte „kleine Revolution“1.

Immunzellen als Rohstoff

Den Kern der Revolution bilden Bestandteile des Immunsystems – die Immunzellen2. Sie sind im Blut von gesunden Menschen3, im Nabelschnurblut von Neugeborenen4, aber auch im Blut von Krebspatienten enthalten5. Es gibt verschiedene Arten von Immunzellen6. Für die Behandlung von Krebspatienten relevant sind aktuell nur die sogenannten T-Lymphozyten, auch T-Zellen genannt. Sie bilden den Ausgangspunkt der neuen Behandlungsmöglichkeit5.

Ausgestattet mit besonderen Fähigkeiten

Im Rahmen der neuen Therapie, die zukünftig auch am UKL durchgeführt wird, werden T-Zellen aus dem Blut eines Krebspatienten isoliert. Anschließend wird die Oberfläche der T-Zellen genetisch verändert und mit einem sogenannten chimeric antigen receptor (CAR) ausgestattet5. Mithilfe dieser künstlichen Andockstelle können die T-Zellen nun gezielt Krebszellen erkennen. Die veränderten T-Zellen werden als „CAR-T“-Zellen bezeichnet. Sie werden im Labor vermehrt und dem Patienten über die Armvene wieder verabreicht. Im Blutkreislauf greifen die CAR-T-Zellen gezielt Krebszellen an2.

Für die Behandlung von Krebspatienten relevant sind aktuell nur die sogenannten T-Lymphozyten, auch T-Zellen genannt. Sie bilden den Ausgangspunkt der neuen Behandlungsmöglichkeit.

Krebstherapie mit großem Potential

Verfügbar ist die neue Therapie vorerst nur für Patienten mit akuter B-Zell-Leukämie oder B-Zell-Lymphom, bei denen bereits mehrere Chemotherapien nicht angeschlagen haben. Für diese Patienten ist die Therapie mit CAR-T-Zellen eine echte Hoffnung. In grundlegenden, klinischen Studien sprach ein vergleichsweise hoher Anteil der Patienten auf die Behandlung mit CAR-T-Zellen an7,8.

In der Gruppe von Patienten mit akuter B-Zell-Leukämie zeigten über 80 % aller Studienteilnehmer eine Reaktion auf die Therapie. Bei 60 % aller Studienteilnehmer konnten 6 Monate nach der Behandlung keine klinischen, radiologischen oder sonstige Anzeichen der Krebserkrankungen mehr festgestellt werden7.

Zum Vergleich: Auf andere Behandlungsoptionen, wie das Chemotherapeutikum Clorfarabine oder das biologische Molekül Blinatumomab, sprachen nur 30 %9 bzw. 39 %10 aller jeweils untersuchten Studienteilnehmer an.

Potential mit Zulassung

Die positiven Ergebnisse führten dazu, dass CAR-T-Zellen als reguläre Therapie zugelassen wurde, zuerst 2017 in den USA und seit August 2018 auch in Europa. Derzeit sind durch die Europäische Kommission zwei Therapien zugelassen: Kymriah® und Yescarta®11, 12. Kymriah® ist eine Option für Patienten mit akuter B-Zell-Leukämie oder B-Zell-Lymphom. Mit Yescarta® können Patienten mit verschiedenen Typen des B-Zell-Lymphoms behandelt werden12.

Literaturverzeichnis

1. Sadelein, M., Rivière, I. and Riddell, S.. Therapeutic T cell engineering. Nature. May 25, 2017, 545, pp. 423-431.
2. June, C.H. und Sadelein, M. Chimeric Antigen Receptor Therapy. New England Journal of Medicine. 5. July 2018, 379, S. 64-73.
3. Amercian Society of Hematology. Blood Basics. [Online] [Zugegriffen am: 02.01.2018.] http://www.hematology.org/Patients/Basics/.
4. Kim, Y.J. and Broxmeyer, H.E. Immune regulatory cells in umbilical cord blood and their potential roles in transplantation tolerance. Crit Rev Oncol Hematol. 2011, Vol. 79, 2, pp. 112-126.
5. National Cancer Institute (National Institute of Health). CAR T Cells: Engineering Patients’ Immune Cells to Treat Their Cancers. [Online] [Zugegriffen am: 18. 12 2018.] https://www.cancer.gov/about-cancer/treatment/research/car-t-cells.
6. National Institute of Allergy and Infectious Diseases (National Institute of Health). Immune Cells. [Online] [Cited: 12 18, 2018.] https://www.niaid.nih.gov/research/immune-cells.
7. Maude, S.L. and et al. Tisagenlecleucel in Children and Young Adults with B-Cell Lymphoblastic Leukemia. New England Journal of Medicine. 2018, Vol. 378, 5, pp. 439-448.
8. Novartis. Novartis JULIET trial of Kymriah demonstrates more than one-year durability of responses in adults with relapsed or refractory DLBCL. [Online] 06 16, 2018. [Zugegriffen am: 02.01.2018.] https://www.novartis.com/news/media-releases/novartis-juliet-trial-kymriah-demonstrates-more-one-year-durability-responses-adults-relapsed-or-refractory-dlbcl.
9. Jeha, S. and al., et. Phase II study of clofarabine in pediatric patients with refractory or relapsed acute lymphoblastic leukemia. Journal of Clinical Oncology. 2006, Vol. 24, 12, pp. 1917-1923.
10. von Stackelberg, A. and et al. Phase I/Phase II Study of Blinatumomab in Pediatric Patients With Relapsed/Refractory Acute Lymphoblastic Leukemia. Journal of Clinical Oncology. 2016, Vol. 34, 36, pp. 4381-4389.
11. Novartis. Pressemitteilung – Novartis erhält die Zulassung für seine CAR-T-Zell-Therapie Kymriah® (Tisagenlecleucel) von der Europäischen Kommission. [Online] 27. 08 2018. [Zugegriffen am: 02.01.2018.] https://www.novartis.com/news/media-releases/novartis-erhaelt-die-zulassung-fuer-seine-car-t-zell-therapie-kymriah-tisagenlecleucel-von-der-europaeischen-kommission.
12. Deutsches Krebsforschungszentrum – Krebsinformationsdienst. CAR-T-Zell-Therapien in Europa zugelassen – Erste Gentherapien gegen Krebs: Bei Patienten mit B-ALL und aggressiven B-Zell-Lymphomen einsetzbar. [Online] 30. 08 2018. [Zugegriffen am: 02. 01 2018.] https://www.krebsinformationsdienst.de/fachkreise/nachrichten/2018/fk11-car-t-zell-therapie-krebs-zulassung.php.